Szenenbilder
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Was sind Szenenbilder?

In vielen meiner Blogbeiträge habe ich mich bereits mit Begriffen wie Inszenierung, Tableau oder Theatralität befasst. Im folgenden Text verweise ich deshalb auch auf diese Artikel, in denen sich weiterführende Informationen finden.

1. Was sind theatrale Bilder?

Theatrale Bilder sind Bilder, Szenen oder Darstellungen, die an eine Theateraufführung erinnern oder bewusst mit Mitteln des Theaters arbeiten.

Typische Merkmale sind

  • Dramatik: Licht, Gestik, Mimik und Komposition erzeugen Spannung oder starke Emotionen.

  • Erzählcharakter: Das Foto vermittelt eine Geschichte oder lässt Raum für Interpretationen.

  • Bühnenhafte Komposition: Die Anordnung der Elemente erinnert an eine Theaterbühne.

Vgl. "Augusto Boal und seine Theaterformen": Der brasilianische Regisseur Augusto Boal hat in seiner theaterpolitischen Arbeit auf ganz reale theatrale Bilder gesetzt.

2. Auch Alltagsfotos können ebenso wie eine bewusste Inszenierung theatralisch sein.

In der Kunst- und Bildtheorie kann Theatralität entstehen, ohne dass jemand etwas arrangiert hat. Die Handlung entsteht dabei im Blick der Betrachterin, die sich fragt:

  • Wer sind diese Menschen?

  • Was ist gerade passiert?

  • Was wird als Nächstes geschehen?

Dieses Thema habe ich im Beitrag „Der öffentliche Raum als Bühne“ weiter ausgeführt.

3. Der Alltag selbst ist oft performativ.

Im wirklichen Leben nehmen Menschen immer auch Rollen ein - als Verkäufer, Lehrerin, Freund, Kundin, Passant.

Aus dieser Perspektive kann ein alltägliches Foto bereits etwas Theatrales zeigen, weil das soziale Leben selbst theatrale Züge besitzt.

Vgl.: „Pecking Order Animals: Statusspiele“: Keith Johnstone beschreibt das permanente Ringen um Macht in alltäglichen Beziehungen mit unterschiedlichen Ergebnissen.

4. Räume charakterisieren Situationen.

Menschen betreten solche Räume und verhalten sich nach bestimmten Regeln. Dadurch entstehen oft Bilder, die wie Aufführungen wirken:

  • Wartende Menschen auf einem Bahnsteig,

  • Gäste in einem Café,

  • Zuschauer bei einer Demonstration.

Der Raum organisiert die Handlung ähnlich wie eine Bühne, auch ohne Inszenierung.

Weitere Beispiele und eine schöne Übung dazu finden sich im Beitrag: „Einen Raum betreten“.

5. Theatralität als Eigenschaft von Beziehungen

Theatralität muss nicht im Foto selbst liegen. Sie kann in der Beziehung zwischen Menschen, Räumen, Handlungen, Blicken und dem Betrachter entstehen.

Dann kann sogar ein zufälliger Schnappschuss theatralisch wirken, wenn er eine Situation zeigt, die wie eine Aufführung lesbar wird.

Zu diesem Thema empfehle ich den Beitrag „Das Prinzip der Bühne – Body Language Quick Guide“.

6. Kann auch ein Foto von einem leeren Raum theatralisch sein?

Ein Foto muss keine Menschen zeigen, um theatralisch zu sein. Ein reines Raumfoto kann sogar besonders stark theatral wirken.

Theatralität entsteht nicht zwingend durch Figuren, sondern durch Inszenierung von Wahrnehmung. Ein Raum allein reicht aus, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt:

  • Bühnenhafte Struktur: Der Raum ist klar gegliedert (Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund), fast wie eine Kulisse.

  • Lichtführung: Licht wirkt gezielt oder dramatisch (z. B. ein Lichtkegel, harte Schatten, Gegenlicht).

  • Komposition: Perspektive und Linienführung lenken den Blick wie eine Regieanweisung.

  • Leere als Bedeutungsträger: Gerade Abwesenheit von Menschen erzeugt Spannung („Es könnte gleich etwas passieren“).

  • Atmosphäre: Materialien, Farben und Proportionen erzeugen eine emotionale Stimmung.

Vgl.: "Der Bühnenraum als Kunstwerk".

7. Die „unsichtbare Handlung“ des Raums

Ein leerer Raum wirkt oft theatralisch, weil er Handlung andeutet, ohne sie zu zeigen.

Beispiele:

  • Ein leerer Stuhl → jemand war da oder kommt gleich zurück

  • Ein geöffnetes Fenster → etwas ist passiert oder wird passieren

  • Ein langer Flur → Erwartung, Übergang, Spannung

Das ist ein klassisches theatrales Prinzip: Das Bild zeigt nicht die Handlung selbst, sondern ihre Möglichkeit.

In der Theaterlogik braucht es eigentlich keine sichtbaren Schauspieler, damit eine Bühne „funktioniert“. Entscheidend ist: Der Raum ist so gestaltet,dass er als Bühne gelesen wird.

In der Fotografie kann ein leerer Raum genau diese Funktion übernehmen. Er wird zum „Akteur“, der Stimmung und Bedeutung trägt. Deshalb gilt:

8. Theatralität ist eine Form der Wahrnehmung.

In den Theater- und Kulturwissenschaften wird Theatralität dadurch bestimmt, dass jemand etwas als Inszenierung betrachtet, d.h. Ereignisse, Handlungen oder Personen werden als Darstellungen bzw. Inszenierungen wahrgenommen und auf ihre Wirkung, Präsentation und Beobachtbarkeit überprüft.

Theatralität entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig wahrnehmen und ihr Verhalten auf diese Wahrnehmung ausrichten. Die Wahrnehmung selbst ist also ein zentraler Bestandteil des Theatralen.

(Vgl. Fischer-Lichte,E./Kolesch,D./Warstat,M., Theatertheorie, Stuttgart/Weimar 2005, S. 362f.)